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In voller Übereinstimmung mit der Lehre des zweiten Vatikanischen Konzils erinnert P. Maria Eugen Grialou unaufhörlich daran, dass wir alle zur Heiligkeit berufen sind.
Es gibt keine Heiligkeit, kein christliches Leben, keinen Zugang zum Himmel, ohne mit Christus eins zu werden : Heiligkeit verlangt Gleichförmigkeit mit Christus je nach dem Maß unserer Gnade, nach dem Ruf Gottes, nach dem Heilsplan Gottes für uns. In dieser Erkenntnis liegt ein Anruf, eine Forderung.
Gottes Plan entspricht es sicher nicht, wenn wir auf halbem Weg stehen bleiben, an einem Punkt, der der Vollkommenheit nur zur Hälfte entspricht. Wenn wir lediglich nach halber Vollkommenheit streben, kann das zum Misserfolg unseres Wirkens führen, ja selbst unser Heil hindern. Es ist gefährlich, das Ideal der Heiligkeit zu mindern, das Gott uns vorgibt, die Heiligkeit, die er von uns erwartet, vor allem in Phasen, wie wir sie gegenwärtig erleben mit all den Gefahren und Strömungen, denen wir ausgesetzt sind und denen wir widerstehen müssen. In unserer Zeit ist es gefährlich, nur halbe Heilige zu sein, einem Ideal zu entsagen, das uns vorgegeben ist. Das könnte dazu führen, dass man meint, Heiligkeit sei nur bestimmten Menschen, nur dem ordensstand vorbehalten. Heiligkeit muss aber das Ideal aller Menschen, in allen Schichten sein. Sie ist nicht nur dem Ordensstand, dem Stand der Vollkommenheit, geboten, sondern auch für das Leben in der Welt. Dieses Leben in der Welt, besonders das geistliche Leben, ist sehr gefährdet. Selbst wenn es nur darum geht, sein eigenes Heil zu wirken, braucht es auch dort Heilige. Man darf sich nicht mit dem halben Maß zufrieden geben. Das Einswerden mit Christus muss für jeden von uns Ziel sein. Jeder von uns soll ein Rebzweig, ein Spross am Weinstock Christi sein.
Es gibt verschiedene Arten von Heiligkeit. Die konkrete Heiligkeit hat für jeden eine eigene Form. Im Reich Gottes gibt es keine Norm. Gott kennt keine automatisch funktionierenden Roboter. Sobald man einen Roboter hergestellt hat, könnte man tausende, könnte man Millionen, ja, man könnte sogar eine ganze Robotermenschheit herstellen. Wir Menschen aber sind alle verschieden und Gott hat für jeden von uns seinen eigenen Plan.
In der geistigen Welt ist die Verschiedenheit jedoch noch größer als in der materiellen Welt. Denken wir an einen Strauch, einen Kopfsalat, einen Affenbrotbaum. Jedes dieser Gewächse erreicht seine Vollkommenheit und wächst zu seiner, ihm vorbestimmten Größe heran. Auf geistlicher Ebene verhält es sich ähnlich. Wir bekommen ein unterschiedliches Maß an Gnade, je nach der Wahl Gottes, je nach seinem Plan für jeden von uns. Aber wie das Maß eines jeden auch aussehen mag, die Fülle wird für alle die vollkommene Kindschaft sein, das heißt die vollkommene Entfaltung unserer Gnade als Gottes Kind. Das nennt der Apostel die Vorherrschaft des Geistes in uns, das Reich Gottes unter uns.
Die Heiligkeit kann verhüllt sein. Manchmal ist sie von solcher Schlichtheit, dass sie nicht bemerkt wird. Sie kann auch durch einen unfreiwilligen, gewohnheitsmäßigen Fehler verborgen sein, einen Fehler, an dem der Mensch vor allem selbst leidet und an dem auch andere leiden. Da kann eine einfache Form der Liebe hilfreich sein: sich zu sammeln und den Heiligen Geist, der in diesem Menschen lebt, anzubeten. Gewiss, Gott verlangt viel, aber er ist Freiheit, Freude und Ausgewogenheit. Der Weg, der zu ihm führt, ist schmal, aber um schnell voranzukommen, hilft werder Furcht noch übertriebene Frömmigkeit.
Ob ich Geschirr spüle, die Treppe putze oder mich mit Philosophie beschäftige, die Art der Tätigkeit ist unwichtig. Was zählt, ist nur die Liebe.
Zur Vertiefung: Ich will Gott schauen S. 1183 - 1280